Datenschutz – Na Und? … oder: Das Netz vergisst nicht!

Neulich, bei einem Abend mit Freunden, kamen wir wieder einmal auf das Thema „Facebook“, und natürlich machte ich das Statement, das ich zu Facebook (und vielen anderen Social Network Themen) normalerweise abgebe: Facebook habe ein Problem mit dem Datenschutz. (siehe hier, hier, hier, hier, hier, und hier bzw. hier). Die Antwort hat mich dann ziemlich aus dem Konzept gebracht: „Na und?“

Das Thema Datenschutz beschäftigt mich inzwischen seit über 15 Jahren. Ich habe mit FITUG einen Verein mitbegründet, der sich mit dieser und ähnlichen Fragen beschäftigt, war beim W3C professionell mit dem Thema betraut, und in letzter Zeit schreibe ich hin und wieder darüber. Datenschutz ist mir einfach wichtig. Im Laufe dieser 15 Jahre habe ich wohl etwas wesentliches aus den Augen verloren, nämlich die Antwort auf die Frage „Na und?“

Auf eine gewisse Weise ist die Frage berechtigt: Neulich wurde bei Spiegel Online berichtet (Apple hält Pottwale für anstößig), daß der Apple App store Apps von Stern und Bild abgelehnt hatte: zu viel nackte Haut. Die Maßstäbe zwischen Europa und USA sind einfach verschieden, warum sollten sich nicht auch die Maßstäbe zum Thema Datenschutz im Lauf der Zeit verschieben? 15 Jahre Datenschutz – bin ich „betriebsblind“?

Es gibt zwei Punkte:

Erstens, regelmässige Auswirkungen persönlicher Daten auf die „wirkliche“ Welt

Meine erste Versuchung war, das alte Nazi-Beispiel zu bemühen: durch „Datenauswertung“ (auf Karteikartenbasis!) wurde die Judenverfolgung in ihrer Gründlichkeit überhaupt erst möglich.
Doch wir haben leider viele gute Beispiele aus der Gegenwart: Bei Datenschutz geht es nicht um individuelle Vorlieben, man kann nicht einfach auf einen anderen Kanal schalten, wenn das Programm nicht gefällt. Datenschutz (oder das Fehlen davon) hat inzwischen handfeste Auswirkungen auf die wirkliche Welt. Während für den Normalsterblichen ein „Na und?“ vielleicht noch eine korrekte Antwort ist und in den meisten Fällen bestenfalls Unannehmlichkeiten entstehen, können Datenschutz-Probleme inzwischen tatsächlich Existenzen zerstören: Falls Auskunfteien falsche Schlüsse ziehen (keine Kredite, keine Handys, keine Bestellungen auf Rechnung, schlechtere Versicherungskonditionen), falls Arbeitgeber (oder Neider!) interessantes über das Privatleben eines Bewerbers finden, oder das Ganze kann auch – potenziell – zu Kontakt mit den „Sicherheitsdiensten“ führen: Die USA – allgemein als freiheitliches Land anerkannt – betreiben eine Terror-Kartei. Über unbestritten nicht-freiheitliche Staaten wollen wir in diesem Zusammenhang nicht reden.

Schwierig ist vor allem, wie in dem oben zitierten Artikel über den Journalisten: Niemand weiß, wann und wie man auf diese „schwarzen Listen“ kommt. Niemand weiß, ob man überhaupt „drauf“ ist. Und weil es auf diese Fragen keine Antworten gibt, gibt es im Zweifelsfall auch kein Mittel, um diese Formen von Vorverurteilung wieder aufzulösen.

Zweitens: Das Netz vergisst nicht.

Es gibt einen ganz fatalen Unterschied zwischen, beispielsweise, einem Küchenmesser und personenbezogenen Daten. Ich kann einem Kind ein Küchenmesser geben. Anfangs werde ich ihm gründlich auf die Finger schauen, und wenn das Kind damit Unfug macht, nehme ich ihm das Messer wieder weg.
Doch wie nehme ich Facebook, Google, Twitter und all den anderen Datenkraken die Daten wieder weg?
Wie verhindere ich eine völlig neue Klasse von Auswertunen, z.B. im Jahr 2022? Oder eine über meine Ur-ur-urenkel 2222, 200 Jahre später?

Das Netz vergisst nicht!

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